Plädoyer für mehr Klassik im Alltag

Ein zufällig bei Facebook entdecktes russisches Plädoyer für mehr Klassik im Alltag hat mir so gut gefallen, dass ich es spontan ins Deutsche übersetzt habe. Heute ist auch der 97. Geburtstag meiner 2008 verstorbenen Großmutter, für die Klassik im Alltag stets eine wichtige Rolle spielte und die diesen Aspekt auch sehr erfolgreich an ihre Enkel weitergab.


Während der letzten warmen Herbsttage in Moskau kehrt der Verkehr wieder in die Stadt zurück und überall entstehen Staus. Viele Fahrer haben das Fenster offen und erfreuen ihre Umgebung mit ihrer Musik, häufig ist Rock zu hören, seltener Chanson und noch seltener Jazz. Ich beschloss, mich an der Symphonie der Großstadt zu beteiligen und öffnete mein Fenster während das Finale von Bruckners Sechster Symphonie erklang. Passanten und Nachbarn erstarrten gleichsam als die Posaunen der Apokalypse ertönten und ich erntete ein Dutzend sehr befremdlicher Blicke. Kognitive Dissonanz. Klassische Musik gehört gefälligst in die Gehege altersschwacher kultureller Einrichtungen, in Konzertsäle oder entsprechende Spartenkanäle von Radio und Fernsehstationen – aber sie ist doch kein Bestandteil des täglichen Lebens. Pop und Rock dürfen als Hintergrundmusik in Einkaufszentren und Taxis, in der Buchhaltung und auf Sicherungsposten erklingen – die Klassik wird jedoch, mit Ausnahmen einiger Dutzend Melodien von Vivaldi oder Mozart sowie Klingeltönen, auf den Dachboden verbannt. Das geht nicht. Klassik ist nicht elitär sondern gehört zum Alltag wie Wasser und Brot. Aufgrund irgendeines Fehlers muss sie diesen besonderen Status erhalten haben. Man muss die Straßen mit Schubert, Brahms und Alban Berg füllen – und das Leben wird schöner.

Original: Sergei Medvedev (Facebook)

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