Deutsch-chinesische Lehre

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, in Vertretung zwei Lehrveranstaltungen für unsere chinesischen Kooperationsstudierenden von der Beijing International Studies University leiten zu können, die sich für zwei Semester an der Universität Duisburg-Essen aufhalten. In den beiden Tutorien zu den Grundkursen Linguistik und Literaturwissenschaft, die ich übernommen hatte, ergaben sich interessante Einblicke in die chinesische Perspektive auf Studium und Wissenschaft.
Im Tutorium zum Grundkurs Linguistik ging es u.a. um den Spracherwerb und welche Faktoren ihn beeinflussen – also das Alter, die Art und Weise der Eltern-Kind-Kommunikation, die Politik, Ein- versus Mehrsprachigkeit etc.
Im Gespräch über diese Faktoren wurde ich von einer der Studierenden gefragt, ob deutsche Kinder in der Schule Fremdsprachen lernen würden. Nachdem ich dieses bejahte folgte die mich verblüffende Frage: Warum? (Kurz zuvor hatten wir gerade noch über die Vorteile des (Fremd-)sprachenerwerbs im Kindesalter gesprochen).
Meine Gegenfrage, warum sie – die Chinesin – Deutsch als Fremdsprache lernen würde, beantwortete sie knapp mit: „Weil ich Deutsch studiere.“
Da ihre Frage aber ja völlig ernst gemeint war, benötigte ich eine ebenso ernsthafte Antwort.
Mir fiel dann nach einigen Sekunden der perplexen Überraschung schnell die Metapher von der Fremdsprache als Schlüssel zu anderen Kulturen ein.

Am nächsten Tag – dieses Mal im Tutorium zum Grundkurs Literaturwissenschaft – wurde ich erneut überrascht. Wir sprachen konkret über Handlungs- und Symbolsysteme in der Literatur – da stellte die gleiche Studentin die Frage, wofür man denn diese Systeme überhaupt brauche.
Ob meine Antwort, dass das Wissen um Kategorien und Systeme beispielsweise bei der Analyse von Literatur hilfreich sein kann, die Studentin zufrieden gestellt hat, weiß ich leider nicht. Die (logisch mögliche) Folgefrage, warum Literatur denn analysiert wird/werden muss, hat sie dann aber nicht mehr gestellt…

Zum einen freut einen eine solche Frage, da sie ja zeigt, dass das unterrichtete Wissen nicht einfach fraglos hingenommen, sondern in gewisser Weise hinsichtlich eines „Sinnes“ oder „Nutzens“ überprüft zu werden scheint.
Zum anderen geben diese Fragen aber auch deutliche Hinweise auf interkulturelle „Gräben“ zwischen „abendländischem“ und chinesischen Weltbild bzw. Wissenschaftsverständnis, die noch überbrückt werden müssen.