Nachhaltiger Mitarbeiter-Service: Siemens‘ Kantinen-Shuttle

Wenn der Service für die eigenen Mitarbeiter seltsame Blüten entwickelt und der offizielle Nachhaltigkeitsanspruch im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke (zum Restaurant) bleibt.

Siemens ist in Essen mit zwei Standorten vertreten – der eigentlichen Niederlassung an der Kruppstraße (ESN K) und mit seinem Bereich „Professional Education“ in der Paul-Klinger-Straße (ESN PK). An beiden Standorten bot Siemens bisher seinen Mitarbeitern ein eigenes Restaurant an. Jenes in der Paul-Klinger-Straße – auch west neun genannt – wurde auch sehr gerne von den anderen Nutzern des Gebäudes wie auch der unmittelbaren Nachbarschaft in Anspruch genommen.

Nun nahte der Tag Ende September, an dem das west neun geschlossen wurde. Die Gründe dafür sind nur in Form von Gerüchten bekannt. Mangelnde Auslastung und damit ein unwirtschaftlicher Betrieb sind bei objektiver Hinsicht und aus eigener Anschauung heraus eher schwer nachzuvollziehen. Aufgrund seiner Lage innerhalb der Weststadt konnte sich west neun über zu wenig Laufkundschaft eher wenig beklagen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wäre ein anderes Thema.

Eine aus besser informierten Kreisen geäußerte Vermutung – nämlich die Restauration ESN K aufzuwerten bzw. die Mitarbeiter dort zentral zu verpflegen – gewinnt an Relevanz, wenn man nun den Aufwand betrachtet, mit dem Siemens dafür sorgt, dass seine Mitarbeiter am Standort ESN PK auch weiterhin eine warme Mahlzeit bekommen und wie die Ströme hungriger Mitarbeiter zum Standort ESN K gelenkt werden:

Seit der Schließung von west neun haben die Mitarbeiter von ESN PK die Möglichkeit, sich täglich insgesamt acht Mal im 20-Minuten-Takt in der Mittagszeit zum Restaurant am Standort ESN K und zurück kutschieren zu lassen. Und zwar mit den komfortablen VIP-Reisebussen eines großen Essener Reisebusanbieters. Auch wenn sich – wie schon mehrfach beobachtet – je nach Abfahrtszeit nur 2-3 Mitarbeiter oder auch mal gar keiner am Abfahrtsort einfindet. Dann pendelt der Bus eben leer hin und her.

Bildquelle: Siemens Restaurant Services

Nun ist es ja nicht so, dass die Weststadt nach der Schließung von west neun kulinarisch nichts mehr hergibt. Fußläufig erreichbar sind der Anbieter eines warmen Mittagstischs in der Parallelstraße, die Restauration eines schwedischen Möbelhauses schräg gegenüber, ein großes Einkaufszentrum mit seiner Verpflegungsetage usw.

Man kommt ins Staunen, wenn man sich anschaut, welche Strecke nun tatsächlich mit dem Shuttle zwischen den beiden Standorten zu überbrücken ist: satte 1500 Meter. Zumal, wenn man weiß, dass sich sowohl unmittelbar vor ESN K eine U-Bahn-Haltestelle befindet (und fußläufig 500 m von ESN PK entfernt ebenfalls eine), die von der gleichen Linie mit einer Fahrtzeit von insgesamt 4 Minuten bedient wird.

Die mit den angemieteten Reisebussen kalkulierte Gesamtfahrtzeit von 5 Minuten von Tür zu Tür (Zitat: „Änderungen/Verzögerungen durch Verkehrsaufkommen können nicht ausgeschlossen werden“) ist sicherlich das schlagende Argument, die „Verschwendung“ von Pausenzeit für den Weg zum Restaurant und zurück auf ein nötiges Mindestmaß zu reduzieren.

Es hinterlässt einen zwiegespaltenen Eindruck, wenn ein Unternehmen, das einen 76-seitigen Nachhaltigkeitsbericht 2012 herausgibt, in dem es Nachhaltigkeit als „strategisches Prinzip“ bezeichnet, explizit auf seine diversen Beiträge zum Umwelt- und Klimaschutz hinweist, mit Begriffen wie dem „ökologischen Fußabdruck“ agiert und wiederholt seine Verantwortung als Unternehmen für den Planeten wie auch für kommende Generationen betont in einem solchen kleinen Beispiel praktisch eher den gegenteiligen Beweis antritt. Von der Wirtschaftlichkeit dieses Shuttle-Services, bei dem der Reisebusanbieter – günstiger Rahmenvertrag hin oder her – natürlich auf seine Kosten kommen wird, einmal ganz zu schweigen.

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